Grundsätzlich basieren die Kriterien für eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) auf den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wie zum Beispiel dem neuen ICD-11-System. Diese international anerkannten Kriterien werden in der Praxis in Deutschland unterschiedlich angewendet. Aufgrund der föderalen Struktur des deutschen Bildungswesens legen die Bundesländer und/oder Kommunen die Kriterien für das Vorliegen einer LR S fest. Wir empfehlen Ihnen daher, sich bei Ihren übergeordneten Behörden, wie zum Beispiel bei Ihrem Schulträger, Schulpsychologische Diensten, oder Lerntherapeuten zu erkundigen, welche Erlasse, Richtlinien und Werte für Ihre Schule gelten.
Für die Feststellung einer Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) ist häufig ein mehrstufiges Verfahren erforderlich (Scheerer-Neumann, 2018, S. 65):
- Im ersten Schritt können Sie die Basiskompetenzen im Lesen und Schreiben mithilfe standardisierter und normierter Testverfahren erheben (Scheerer-Neumann 2018: 65). Dazu zählen unter anderem die Hamburger Schreibprobe (HSP, Grundschule & Sekundarstufe 1), der Potsdamer Lesetest (PLT, Grundschule) sowie der Lesetest Sekundarstufe (LeSek).
- Im zweiten Schritt können Sie durch die Kombination beider diagnostischer Verfahren überprüfen, ob die Leistungsschwäche ihrer Lernenden ausschließlich ein Kompetenzfeld oder beide betrifft.
- Ergänzend zur quantitativen Diagnostik empfiehlt es sich, qualitative Verfahren anzuwenden, um individuelle Stärken und Schwächen noch gezielter erfassen zu können (Scheerer-Neumann, 2018, S. 68). Hierzu gehören beispielsweise
- Analyse individueller Lernstrategien
- Analyse des Lernstandes
- Hör- und Sehtests
- ADHS-Diagnostik
- Logopädische Untersuchungen
- Intelligenztests
Verlassen Sie sich dabei nicht ausschließlich auf die einzelne Testergebnisse, sondern betrachten Sie die Resultate immer im Gesamtzusammenhang.
Analyse der Rechtschreibkompetenz: Die HSP
Die HSP ist vermutlich das bekannteste und am weitesten verbreitete, wissenschaftlich fundierte Verfahren zur Erhebung grundlegender Schreibkompetenzen. Es kann „ohne Einschränkungen für die Diagnose von Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) bzw. Legasthenie herangezogen werden.“ (May, Malitzky & Vieluf, 2022, S. 90) Aus diesem Grund wird die HSP von vielen relevanten Bildungsinstitutionen, wie zum Beispiel Institute für Qualitätssicherung, schulpsychologische Stellen, Schulbehörden und der BISS-Initiative, als geeigneter LRS-Test anerkannt und empfohlen.
Die digitale Variante der HSP, die HSP smart, ist ein neues Testverfahren, das auf denselben wissenschaftlichen Grundlagen wie die Testheft-HSP basiert. Da das Verfahren jedoch neu ist, gibt es noch keine Erfahrungswerte, wie behördliche Stellen die Testergebnisse anerkennen.
Interpretation der Ergebnisse: Wichtige Schwellenwerte
Die Auswertung der Tests orientiert sich an etablierten Grenzwerten von diagnostischen Verfahren, entsprechend den Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. (AWMF): Die Gesamtleistung ist ab einem Prozentrang von 16 (dies entspricht dem T-Wert 40) oder niedriger unterdurchschnittlich und weist auf eine Lese- bzw. Rechtschreib-Schwäche hin. Der T-Wert 40 entspricht dabei einer statistischen Standardabweichung unter dem Durchschnitt (T-Wert 50).
- HSP: Der relevante Wert ist der Prozentrang für die Graphemtreffer (GT). Ein unausgewogenes Strategieprofil mit einer T-Wert-Differenz von mehr als 10 T-Wert-Punkten zwischen den einzelnen Rechtschreibstrategien weist ebenfalls auf eine Förderbedürftigkeit von Lernenden hin. In den HSP-Hinweisheften, insbesondere im Kapitel „Interpretation der Strategieprofile,“ im Abschnitt „Wann haben Lernende einen erhöhten Förderbedarf?“ finden Sie ausführliche Informationen und zusätzliche Hinweise dazu.
- HSP smart: Bei der HSP smart ist der relevante Wert der Prozentrang für richtig geschriebene Wörter und Satzzeichen (WSZ). Ein unausgewogenes Strategieprofil mit einer T-Wert-Differenz von mehr als 10 T-Wert-Punkten zwischen den einzelnen Rechtschreibstrategien weist ebenfalls auf eine Förderbedürftigkeit von Lernenden hin (May, Malitzky & Vieluf, 2022, S. 41ff).
- PLT: Wenn die Prozentränge in einer der beiden Untertests Worterkennen und Leseverstehen 16 oder niedriger und/oder die Niveaustufen 1 oder 2 sind, weist das Testergebnis auf besondere Leseschwierigkeiten hin (Schnitzler & Scheerer-Neumann, 2022, S. 26).
- LeSek: Wenn die Prozentränge in einer der beiden Gesamtleistungen „Leserichtigkeit und Sinn-/Detailerfassung“ oder „Lesezeit“ 16 oder niedriger sind, weist das Testergebnis auf eine Leseschwäche hin (Adler & Götzinger-Hiebner, 2021).
Abgrenzung: Lese-Rechtschreib-Schwäche vs. Lese-Rechtschreib-Störung
Im Gegensatz zur Lese-Rechtschreib-Schwäche kann eine Lese-Rechtschreib-Störung nicht ausschließlich mit der Klett Diagnostik diagnostiziert werden. Bei einer Lese-Rechtschreib-Störung (bzw. einer isolierten Rechtschreib- bzw. Lesestörung) liegt ein klinisches Störungsbild zugrunde, das in den oben erwähnten Richtlinien der WHO beschrieben ist. Zur Diagnostik sind weitere Testverfahren, in der Regel ein Intelligenztest, notwendig.
Fazit: Praktische Tipps für den Schulalltag
- Beachten Sie die Hinweise und Vorgaben aus den amtlichen Erlassen zu den Themen Diagnostik, Förderbedarf, Nachteilsausgleich Ihres Bundeslandes und/oder Kommune.
- Setzen Sie mehrere Diagnoseverfahren ein, um ein differenziertes Bild zu erhalten.
- Orientieren Sie sich an den Schwellenwerten für Förderbedarf.
- Ergänzen Sie Testergebnisse bei Bedarf durch weiterführende Diagnostik.
- Holen Sie sich Unterstützung bei Fachdiensten oder Beratungsstellen, wenn Unsicherheiten bestehen.
- Nutzen Sie passende Arbeitshefte und Fördermaterialien für gezielte Förderung.
Literaturhinweis:
Scheerer-Neumann, G. (2018). Lese-Rechtschreib-Schwäche und Legasthenie: Grundlagen, Diagnostik und Förderung (2. Auflage). Kohlhammer.